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Kompartmentsyndrom

Ein Kompartmentsyndrom entsteht zum Beispiel, wenn Gewebe nach einer Verletzung anschwillt, sich aber nicht ausdehnen kann – weil es von einer straffen Bindegewebshülle oder einem Verband umgeben ist. So steigt der Druck, das Gewebe nimmt Schaden
von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 25.08.2014

Gipsverband: Wenn das Bein darin schmerzt, ist Vorsicht geboten – das könnte auf ein Kompartmentsyndrom hindeuten

W&B/Simon Katzer

Gewebe, das von einer straffen Bindegewebsschicht (Faszie) umschlossen ist, heißt Kompartment. Klassische Kompartments sind zum Beispiel manche Muskelgruppen an Armen und Beinen.

Unter bestimmten Umständen erhöht sich der Druck in einem solchen Kompartment. Bleibt diese Druckerhöhung unerkannt und unbehandelt, kann das betroffene Gewebe zugrunde gehen. Der Fachausdruck dafür ist Kompartmentsyndrom.

Wann kommt es zu einem Kompartmentsyndrom?

Am häufigsten tritt ein Kompartmentsyndrom als Komplikation nach Knochenbrüchen auf. Meistens sind die Unterschenkel betroffen. Begleitende Muskelverletzungen erhöhen das Risiko, ebenso Mehrfachverletzungen (zum Beispiel ein sogenanntes Polytrauma oder Verbrennungen). Grundsätzlich ist ein Kompartmentsyndrom in jeder Körperregion möglich, in der Gewebe vollständig von einer nicht elastischen Hülle umschlossen ist.

Einen Sonderfall stellt eine Druckerhöhung im Bauchraum dar – ein abdominelles Kompartmentsyndrom. Dieses kann vor allem bei schwer kranken Intensivpatienten auftreten. Dieser Beitrag beschränkt sich jedoch auf das klassische Kompartmentsyndrom der Gliedmaßen.

Was sind Ursachen für ein Kompartmentsyndrom?

Bei der Ausbildung eines Kompartmentsyndroms wirken unterschiedliche Faktoren zusammen. Zum einen kommt es zu einer Zunahme des Volumens in einem Kompartment. Das passiert meistens durch Schwellungen oder Blutergüsse im Bereich einer Verletzung. Andere Ursachen können die Infusion von viel Flüssigkeit sein, aber auch bestimmte Medikamente.

Dazu kommt Druck von außen, zum Beispiel durch einen enganliegenden Gipsverband. Er verhindert, dass sich das Gewebe ausdehnt. Darum erhöht sich der Druck. Weitere mögliche Ursachen sind Begleitverletzungen: Zum Beispiel kann eine Verbrennung oder Erfrierung die gesamte Gliedmaße umschließen. Auch eine ungünstige Lagerung der verletzten Gliedmaße führt manchmal dazu, dass der Druck im Gewebe steigt.

Meistens tritt ein Kompartmentsyndrom 12 bis 36 Stunden nach einem Unfall auf.

Symptome und mögliche Folgen

Wichtigstes Symptom eines Kompartmentsyndroms sind heftige Schmerzen der verletzten Gliedmaße, die auch durch starke Schmerzmittel kaum zu lindern sind. Typisch sind auch starke Schmerzen bei passiver Dehnung. Die Haut ist blass und fühlt sich kühl an. Eine Schwellung ist vor allem bei oberflächlich gelegenen Kompartimenten sichtbar. Tiefer gelegene Gewebe sind schwerer zu beurteilen. Gefühlsstörungen und Störungen der Bewegungsfunktion sind Zeichen einer länger bestehenden Druckerhöhung.

Ein unbehandeltes Kompartmentsyndrom kann schwere Folgen haben. Durch die Druckerhöhung ist die Versorgung des betroffenen Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen beeinträchtigt. Es kann zum Zerfall von Muskelgewebe kommen. Die Folgen eines unbehandelten Kompartmentsyndroms reichen von einer bleibenden Beeinträchtigung der Funktion der betreffenden Gliedmaße bis hin zu ihrem Verlust.

Vor allem bei ausgedehntem Muskelzerfall drohen auch akut lebensbedrohliche Komplikationen: Bei einer Zerstörung von Muskelgewebe werden Stoffe freigesetzt, die zu einem Versagen lebenswichtiger Organe (zum Beispiel der Niere) führen können. Das heißt dann Crush-Syndrom.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Die wichtigsten Hinweise sind die Beschwerden des Patienten. Besonders schwierig ist die Diagnose daher bei Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht kontaktfähig sind, zum Beispiel weil sie wegen schwerer Begleiterkrankungen in einem künstlichen Tiefschlaf liegen.

Der Arzt zieht Rückschlüsse aus dem Untersuchungsbefund, also dem Aussehen, der Temperatur und dem Puls der Gliedmaße. Daneben besteht auch die Möglichkeit, den Druck im Gewebe direkt zu messen. Dazu sind Messvorrichtungen nötig, bei denen eine Hohlnadel mit einem Druckabnehmer verbunden ist. Sticht der Arzt die Nadel in einen Muskel ein, so kann er den Druck ablesen, der dort herrscht. Bedeutung haben die gemessenen Werte vor allem als Vergleichswerte im Verlauf. Absolute Grenzwerte für einen kritischen Gewebedruck gibt es nicht. In der Regel entscheidet der Arzt nach dem klinischen Untersuchungsbefund ob eine Operation nötig ist oder nicht.

Da die Folgen eines Kompartmentsyndroms schwerwiegend sein können, ist schon bei Verdacht eine sofortige Behandlung notwendig.

Bei einem Kompartmentsyndrom wird oft operiert

Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY

Wie sieht die Behandlung aus?

Bei jedem Verdacht auf ein Kompartmentsyndrom überprüft der Arzt Gipsverbände und Bandagen und legt sie bei Bedarf neu an. Auch kontrolliert er die Lagerung der Gliedmaße.

Lassen sich die Beschwerden durch diese Maßnahmen nicht beeinflussen, ist eine Operation notwendig. Die Ärzte eröffnen die Haut und die darunter liegende Bindegewebsschicht (Faszie) über die gesamte Länge des betroffenen Kompartments und bedecken sie vorübergehend mit synthetischen Materialien. Ein endgültiger Verschluss der Wunde durch eine Naht ist in der Regel nach Ablauf von etwa einer bis zwei Wochen möglich.

Wie ist die Prognose eines Kompartmentsyndroms?

Ein Kompartmentsyndrom ist eine chirurgische Notfallsituation, die ohne Zeitverzögerung behandelt werden muss. Bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie ist die Prognose in der Regel sehr gut.

Beratender Experte: Dr. med. Niels Erasmus Krahn

Dr. med. Niels Erasmus Krahn, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ist Oberarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Duisburg.

Quelle:

Das akute Kompartmentsyndrom, Dissertation. Online: http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/KrahnNielsErasmus/diss.pdf (Abgerufen am 18.11.2013)


Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY, W&B/Simon Katzer

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